Richtiges Gain Staging


In der digitalen Audioproduktion müssen wir mit einem Auge immer auf die Pegel in unserer DAW schauen. Obwohl die meisten Sequenzer intern mit 32 Bit Floating Point arbeiten, können überall in unserer Bearbeitungskette Übersteuerungen entstehen. Deshalb ist Gain Staging enorm wichtig.

Schon bei der Aufnahme solltest Du richtig einpegeln. Achte darauf, dass Du bei den lautesten Spitzen minimal 6dB Headroom hast. Ja, ich weiss, vielmals ist das Signal dann so leise, dass man es bei der Aufnahme nicht hört. Das ist jedoch schon ein Zeichen dafür, dass das Playback zu laut ist. Ziehe alle anderen Spuren in der Lautstärke runter, so dass das aufzunehmende Signal gut hörbar ist.

 

Aber nicht nur bei der Aufnahme ist die richtige Lautstärke wichtig.

Viele virtuelle Synthesizer Plugins übersteuern schon im Default Patch. Ultrabeat in Logic oder Omnisphere sind solche Kandidaten. Senke deshalb die Lautstärke im Plugin ab und nicht die Lautstärke des Kanals in den Du es geladen hast.

 

Weshalb?

Weil auch die Effektplugins im Eingang nicht übersteuert werden sollten. Viele betagtere Plugins wie beispielsweise der Oxford EQ von Sonnox oder viele Plugins von Waves können damit nicht umgehen.

Moderne Plugins stehen heutzutage den Hardware Vorbildern in nichts nach, sofern man diese im grünen Bereich benützt. Der grosse Unterschied zu den grossen und teuren Hardware Brüdern ist, dass die Hardware in extremen Einstellungen immer noch musikalisch klingt.

Ich benutze des Öfteren das 1176 Kompressor Plugin von Universal Audio. Das funktioniert auch ausgezeichnet, wenn ich es im normalen Rahmen verwende. Wenn ich aber die Einstellungen des Kompressors zu extrem einstellen muss (all buttons mode, Kompression von 20dB+), wechsle ich zur Hardware.

Sehr gut kannst Du das beim Manley Massive Passive der UAD Karte beobachten. Bei Eistellungen die sich im Mittelwert des Equalizers befinden hörst Du kaum einen Unterschied. Sobald Du aber die Amplitude eines Frequenzbandes sehr stark anhebst, entstehen Artefakte. Dasselbe gilt für die Filtergüte. Da der Massive Passive sehr eigene und charakteristische Filterkurven aufweist, wirken die Extreme im Plugin schnell unnatürlich und digital.

Viele Kompressoren haben im Default Modus das Autogain eingeschaltet. Das heisst, dass der Kompressor die Lautstärke kompensiert und dadurch anhebt. Meistens auf 0dB FS sofern Du den Output nicht herunter geregelt hast. Auch wird vielmals der Output Regler im Kompressor zu hoch aufgedreht. Denke immer daran:

 

Ein Kompressor macht leise, nicht laut!

Ganz prekär wird es bei Equalizern. Wenn Du diese sauber und exakt einstellen willst, musst Du dich in einem Bereich bewegen, bei welchem der EQ noch genug Headroom hat um Frequenzbänder anheben zu können.

Wichtig ist also, dass Du deine Plugins mit einem Level anfährst mit dem sie gut arbeiten können!

 

Ein Fallbeispiel:

Letzthin sendete mir ein Kunde ein Logic Template, welches er gekauft hat. Es handelte sich um einen Dancehall Track, vorwiegend mit Ultrabeat Softsynths produziert. Die einzelnen Instanzen sind sehr heiss ausgesteuert. Diese wurden auf eine Gruppe geroutet. Die Summe der gerouteten Instrumente übersteigt natürlich digital 0, doch wegen der internen 32Bit Berechnung hörst Du keine Verzerrungen.

 

Ultrabeat-Gruppe
Logic Template

 

Mit dem Projekt sind auch Audiospuren mitgeliefert worden. Um gegen die Drums ankämpfen zu können mussten die Hersteller des Templates die Spuren so laut machen, dass auch diese stark im roten Bereich landen. Das haben sie mit Kompressoren und Effektbussen hingekriegt. Du kannst richtig hören, wie die DAW an ihre Grenzen kommt.

 

Vocal Bus
Vocal Bus

Das hat natürlich zur Folge, dass der Output mit über 10dB im roten Bereich tanzt. Damit das Endsignal nicht verzerrt, schlauften sie einen Limiter im Masterbus ein. Dieser wurde aber so heiss angefahren, dass er in der Default-Stellung schon über 10dB limitiert.

 

L2-Pro-Lutstaerkeverhaeltnis
Fabfilter Pro L2

 

Übrigens ist ein Limiting von 15dB jenseits von Gut und Böse.

Mir dreht sich alles, wenn ich so was sehe. Ich versuche immer 2dB Gain Reduction nicht zu überschreiten. Bei Techno oder Hip-Hop kommen schon mal 4 bis 5dB vor, aber eher selten. Wenn Du zu stark limitierst produzierst Du auch mehr Inter Sample Peaks, was wiederum die Wandler übersteuert.

 

Das ist nicht gut!

Achte bitte darauf, dass ein Plugin niemals mit einem Signal über 0dB FS gespeist wird. Das Plugin und dein Sound werden es dir danken.

Ich erachte es als eine Zumutung Produzenten für teures Geld Templates zu verkaufen die so schlecht ausgesteuert und deshalb kopflos mit Effekten versehen sind. Das zeigt mir, dass essentielle Grundlagen der digitalen Technik nicht befolgt oder ignoriert werden.

Klar kann man es jetzt als Künstlerische Freiheit betrachten, doch im Ernst:

  1. Digitale Verzerrungen klingen nie geil.
  2. Wenn Du schon ein Template verkaufst, versuche so neutral wie möglich zu sein und drücke deinen Kunden nicht deinen Sound auf. Vor allem nicht, wenn er so schlecht klingt. Die meisten Kunden sind Anfänger, die etwas lernen möchten. Also bitte, mach es richtig oder nicht.

 

Gain-Staging gehört zur Basis der Musikproduktion.

Es lohnt sich übrigens auch sein eigenes Studio zu überprüfen und mal alle Pegel zu messen. Es gibt viele Schnittstellen in denen analoge wie auch digitale Übersteuerungen auftreten können.

  • Mikrofon oder Instrument zu Preamp
  • Pre-Amp zu Wandler oder Soundkarte
  • Wandler zu DAW-Input
  • Signal im DAW-Kanal ins Plugin
  • Das Signal zwischen jedem Plugin in deiner Plugin-Kette
  • DAW-Wandler-Hardware-Wandler-DAW (eingeschlaufte Hardware, Mischpult, Re-Amping)
  • Mehrere Signale in einen Bus geroutet
  • Summing-Boxen-Output in den Wandler-Input
  • Input des Masterkanals
  • Die Pegel zwischen den einzelnen Hardware-Komponenten (z.B. EQ-Kompressor-Limiter)
  • DAW-Output zu Soundkarte
  • Soundkartenausgang zu Monitor-Controller
  • Monitor Controller zu Lautsprecher
  • Über digitale Verbindungen zusätzlich angeschlossene Peripherie (z.B. zweiter Computer über Toslink oder digitaler Analyser über SPDIF)

Achte auf die Level deiner Signale und lasse immer genug Headroom in deiner Produktion. Du hast ja schliesslich einen Volume-Regler an deinem Monitor-Controller und ich schätze, du drehst ihn meistens nur zu ¼ auf.