Hall vs. Delay – Wie und wann du sie einsetzt


Das Delay und der Hall sind Effekte, die in jeder Produktion vorkommen. Manche Produzenten schwören auf Delay Plugins, andere wiederum sind Hall Enthusiasten. Der normale Musik-Konsument bemerkt oft keinen Unterschied zwischen den beiden Effekten, obwohl sie absolut verschiedene Charakteristiken besitzen. Doch der Zweck beider Effekte ist derselbe: Den Klang eines Audiosignals zu verbreitern und Tiefe zu erzeugen.

Was ist ein Delay Plugin?

Die Funktionsweise eines Delays ist relativ simpel. Es fängt den Klang einer Audioquelle ein und wiederholt ihn ein oder mehrere Male kurz nach dem Originalsignal. Um ein natürliches Gefühl zu erzeugen, werden diese Wiederholungen mit der Zeit leiser, bis du sie nicht mehr hörst. Die Wiederholungen können in deiner DAW im Tempo des Songs erfolgen oder frei in der Zeit angeordnet werden.

Das Delay findest du selbstverständlich auch in der Natur. Es wird umgangssprachlich als Echo bezeichnet. Solche Echos kennst du vielleicht von den Bergen oder von grossen Räumen oder Unterführungen, wo reflektierende Oberflächen so weit entfernt sind, dass du die Abstrahlungen der Wände vom Direktschall zeitlich getrennt wahrnimmst. Wenn du nachts joggen gehst, hörst du vielleicht, wie deine Schritte von einem nahen gelegenen Gebäude reflektiert werden. Das ist ein Echo.

Um Echos künstlich zu erzeugen, wurden Mitte des letzten Jahrhunderts Tape-Delays entwickelt. Dabei handelt es sich um ein Tonband in einer Endlosschleife. Dieses Echogerät besitzt einen Aufnahme- und einem Wiedergabekopf. Das Tonband läuft zuerst über den Aufnahmekopf, der das Band mit dem originalen Klang bespielt. Danach läuft es weiter über den Wiedergabekopf und wird somit abgespielt. Ein Teil des abgespielten Signals wird wieder zum Aufnahmekopf zurückgeführt, worauf dieses Signal wieder aufs Band aufgenommen wird. Eine Feedbackschlaufe, sozusagen.

Der zeitliche Abstand zwischen den Wiederholungen wird durch den effektiven Abstand der beiden Tonköpfe bestimmt, die Wiederholungsrate durch den Anteil der Rückführungen vom Abspiel- zum Aufnahmekopf.

Tape Delay Innenansicht
Tape Delay

Als in den späten 80-er Jahren die elektronischen Bauteile günstiger wurden, setzten sich digitale Delays wie das Lexicon PCM 42 und Roland SDE 3000 durch. Diese sind wartungsfreier und um einiges leichter als die Tape Delays.

 

Lexicon PCM 42 Frontansicht
Lexicon PCM 42

Heutzutage werden all diese Dealys auch als Plugin Emulationen angeboten.

Was macht ein Hall-Plugin (Reverb)?

Wird ein Schallereignis von vielen Oberflächen etliche Male reflektiert, entspricht das vielen kleinen Echos mit unterschiedlichen zeitlichen Verzögerungen. Diese folgen in so kurzen Abständen nacheinander, dass wir die einzelnen Echos gar nicht mehr als solche wahrnehmen können. Wir erhalten eine richtige Fahne, den sogenannten Nachhall. Der Abstand zwischen den einzelnen Echos und dem Originalklang ist so gering, dass wir den Klang als ein kontinuierliches Ereignis wahrnehmen. Der Klang der Ursprungsquelle verlängert sich quasi.

In unserem täglichen Leben tritt dieser Effekt alldauernd auf. Sobald du dich in einem geschlossenen Raum oder an einem Ort befindest, der verschiedene akustische Hindernisse aufweist, entsteht ein Hall. Zum Beispiel im Wald. Die Bäume lenken den Schall um, so wie das Licht in einem Spiegelkabinett reflektiert wird. Da der Schall dabei verschieden lange Strecken zurücklegt und die Schallgeschwindigkeit viel langsamer ist als das Licht, erreichen uns die akustischen Abstrahlungen zeitversetzt.

Je nachdem, wo sich eine Schallquelle in einem Raum befindet, welche Oberflächenstruktur er besitzt, mit welchen Materialen er verkleidet und wie gross der Raum ist, verändert sich der Charakter eines Halls.

Künstlicher Hall

Um einen Hall in einer Studioumgebung künstlich zu erzeugen, griff man früher auf eigens gebaute Hall-Räume zurück. Legendär sind die Capitol Chambers in Hollywood, Kalifornien.

Später wurden Platten- und Federhallgeräte entwickelt, welche einen Bruchteil des Platzes eines Hall-Raums beanspruchen. Diese klingen zwar nicht so natürlich, doch der Charakter ist der Natur nahe genug, um sie in Musikproduktionen verwenden zu können.

EMT 140 Plattenhall offen
EMT 140 Plattenhall

In unseren modernen DAWs verwenden wir Hall Plugins. Dabei unterscheiden wir zwischen dem algorithmischen Hall und dem Faltungshall. Der algorithmische Hall spielt viele einzelne Delays hintereinander ab, so dass eine Hallfahne entsteht. Beim Faltungshall werden echte Räume verwendet, von denen ein Fingerabdruck genommen wird. Der gewünschte Raum wird mit einem kurzen Impuls beschallt, der alle Frequenzen beinhaltet, einem Pistolenschuss gleich. Die zurückgeworfenen Schallereignisse werden mit einem Mikrofon aufgenommen und ergeben somit eine eindeutige Signatur des Raumes. Diese Impulsantwort wird als Grundlage für die Verhallung des zu bearbeitenden Signals verwendet.

Der algorithmische Hall besitzt die Möglichkeit alle gewünschten Parameter, wie die Länge der Hallfahne, die Charakteristik der zurückgeworfenen Schallwellen, die Dämpfung der Frequenzen usw. nach Belieben zu verändern. Der Faltungshall ist nicht so flexibel, klingt jedoch viel natürlicher. Gute Hall Plugins benötigen viel Rechenleistung und sind deshalb sparsam einzusetzen.

Viele Studios setzten noch heute auf externe Hall-Prozessoren, wie den Lexicon 480L oder der Bricasti Hall. Diese Hallgeräte sind noch heute State oft he Art und prägten schon viele tausend Hits mehrerer Dekaden.

 

Lexicon 480L Hallgerät
Lexicon 480L

Wann werden Delays und wann Hall Geräte eingesetzt?

Wenn du einen ganz bestimmten Raum simulieren möchtest, greifst du auf ein Hallgerät zurück. Der Hall platziert einen Klang in einen mehr oder weniger vertrauten Raum und gibt die Stimmung und den Kontext für deinen Song vor. Möchtest du das Ambiente eines grossen Industriegebiets erreichen, oder das einer Holzhütte, oder einer Kirche?

Mit der richtigen Einstellung der Parameter, erreichst du die Tiefe und die Weite des gewünschten Raumes. Doch die meisten Hall Plugins werden mit Dutzenden, wenn nicht Hunderten von Hall-Presets veröffentlicht, die einen befriedigenden Ausgangspunkt liefern.

Wenn der Hall den Mix verwässert, benutze lieber ein Delay

Der Einsatz eines Halls auf jeder Spur, ist ein häufiger Fehler. Der Mix klingt dann schwammig und die Zuhörer können die Details der Instrumente nicht hören, was den Konsumenten ermüden lässt.

Hall wirkt störend, wenn du ihn übertrieben auf ein einzelnes Instrument anwendest. Gibst du nicht acht, können gewisse Hallfahnen auf unnatürliche Weise den gesamten Mix überlagern. Wenn du einer Gitarre, einem Synthesizer oder dem Gesang ein Raumgefühl verleihen möchtest, der Hall den Track jedoch zu weit in den Hintergrund schiebt oder ihn zu dumpf klingen lässt, verringere einfach den Hallanteil. Oder entferne ihn ganz und füge stattdessen ein kurzes Delay hinzu.

So erhältst du das gewünschte räumliche Gefühl, ohne die klanglichen Details oder die emotionale Wirkung zu opfern.

Ein langsamer, offener Song ist die perfekte Ausgangslage, in der ein Hall seine Wirkung entfalten kann. Mit viel Raum zwischen den Instrumenten und wenigen konkurrierenden Elementen können die Zuhörer die langen Fahnen hören, welche sich auf natürliche Weise auf- und abbauen. Und die penibel produzierten Details, wie z.B. die Filterung der Hallfahne und die Automatisierung von Pitch-Bends, werden im vollen Umfang wahrgenommen.

Bei schnellen, energischen Liedern wirken sich lange Reverbs negativ auf die Klarheit der Songs aus. Die Hallfahnen überlagern die Instrumente auf ungeschickte Weise und schieben Lead-Elemente wie Gesang zu weit in den Mix zurück.

In solchen Fällen ist es besser, ein rhythmisches Delay zu verwenden, welches du mit dem Tempo deines Mixes synchronisierst. Dann passt du die Mischung an, bis du das richtige Verhältnis zwischen Delay und Originalsignal gefunden hast. Das bringt uns zu unserem nächsten Punkt…

Für verbesserte, oder völlig neue Grooves verwende ein Delay

Ein Delay kann Wunder wirken, wenn du einen vorhandenen Groove verbessern oder aus statischen Klängen völlig neue Grooves erzeugen möchtest. Tatsächlich ist dieser Effekt genrebestimmend bei der Produktion von Dub-Musik.

In Dub-Tracks werden Musik und Klangeffekte zu gleichen Teilen verwendet. Durch eine Kombination aus Hall und vor allem Delay, entstehen dadurch bouncige, entspannte Atmosphären.

Wenn ich Delay Plugins benutze, synchronisiere ich die Delay-Zeit fast immer mit dem Tempo des Songs. Auf diese Weise hüpfen die Wiederholungen im Takt mit allem anderen Elementen und erzeugen ein grooviges und verwobenes Gefühl. Eine Ausnahme bilden sogenannte Slap-Delays, wie sie oft in den 50-ern bis 70-ern verwendet wurden. Dabei wird eine bis zwei Wiederholungen kurz nacheinander abgespielt. Gute Beispiele sind die Rock’n’Roll Tracks von Elvis Presley oder die frühe Musik der Beatles.

Sounddesign mit Delay Plugins.

Wenn du mit einem Ping-Pong Delay arbeitest, das wie ein Ruf- und Antwort-Spiel wirkt, oder die Wiederholungen noch zusätzlich mit Verzerrern und LFOs bearbeitest, kannst du ganz neue Sounds entwickeln. Von Sci-Fi Effekten bis hin zu Horror Klängen. Möchtest du jedoch einen realistischen Jazz-Club oder eine existierende Konzerthalle designen, ist ein Delay nicht sehr hilfreich. Überlass das lieber deinen Hallgeräten

Für ein konsistentes Gefühl verwende einen Hall.

Das Hallgerät schafft Atmosphäre in einer Mischung und hilft, die Zuhörer in eine neue klangliche Umgebung zu bringen. Meiner Erfahrung nach erfordert das ein gewisses Mass an Zurückhaltung bei der Auswahl geeigneter Reverb Einstellungen.

Wenn du zu viele verschiedene Reverbs mit unterschiedlichen Einstellungen verwendest, schaffst du eine Vielzahl von Räumen. Der Zuhörer weiss kaum, wo er sich befindet, ganz zu schweigen davon, dass der Mix schwammig wird. Benutze deshalb nur zwei oder drei Reverbs innerhalb eines Mixes. Das trägt wesentlich dazu bei, dass die Elemente in Ihrer Mischung kohärent klingen, als ob sie von Natur aus zusammengehören. Selbst wenn du sie in verschiedenen Räumen aufgenommen oder aus unterschiedlichen Sample-Packs zusammengeschustert hast.

All diese Anwendungen sind nicht in Stein gemeisselt. Sie sind lediglich ein Ausgangspunkt für deine Kompositionen. Wie die meisten Dinge in der Musikproduktion sind sie offen für Interpretationen und du kannst sie so formen und gestaltet, dass sie deinem eigenen Stil entsprechen.

Noch ein Hinweis:

In vielen Mixes werden Hall und Delay zusammen verwendet, um die einzigartigen Eigenschaften der jeweiligen Prozesse hervorzuheben. Wenn du sie übereinanderlegst oder parallel verwendest, kannst du Effekte erzeugen, die von fett über atmosphärisch bis hin zu dissonant reichen.

Ein kleiner Trick:

Delays und auch Hallfahnen überlagern manchmal das Originalsignal. Klar, du kannst den Effekt zurückdrehen, doch dann hat er oft nicht mehr die Wirkung, die du suchst.

Das Geheimnis liegt darin, den Hall oder das Delay mit der Quelle zu «ducken». Dafür legst du das Delay oder den Hall auf eine Send-Aux-Spur und packst einen Kompressor hinter den Effekt. Nun steuerst du den Kompressor via Sidechain mit dem Quellsignal an. Jedes Mal, wenn nun das Originalsignal ertönt, wird das Delay oder der Hall komprimiert. Der Effekt wird dadurch leiser und gibt dem Originalsignal den Platz, den es braucht. Erst wenn das Quellsignal aufhört zu spielen und die Kompression aussetzt, tritt der Effekt in den Vordergrund. Der Delay- oder Halleffekt ist somit nur in den Pausen hörbar.

Das Duck Delay

Dieser Trick verlangt natürlich ein gewisses Routing. Um das zu umgehen, gibt es das Duck Delay. Dieses Delay ermöglicht das Ducking schon im Plugin selbst. Nebst dieser einmaligen Funktion bietet es auch verschiedene Arten von Ping-Pong Delays, Verzerrungen, Filterungen, LFOs und noch vieles mehr. Ein Alleskönner, sozusagen.

Duck Delay Ansicht

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